Geschichten
Malta
Betrachtungen einer Reisenden
(Meer - 1999 - Dispersion/Leinwand - 80 x 60 cm)
Am 30.12.2020 strahlte der Berliner Radiosender 889FM Kultur meinen Literaturbeitrag mit Ausschnitten aus dieser Geschichte aus.
Am 03.01.2021 wurde er als 5. von 18 meistgehörten Literaturbeiträgen (von 180) wiederholt gesendet, am 01.02.'21 erschien das Buch in der Edition Pauer, und am 21.02.'21 gab es ein Live-Interview mit dem Sender über mein schriftstellerisches Wirken.
Ausschnitt unten aus der Vorankündigung des Senders:
Inhalt
Dies ist kein klassischer Malta-Reiseführer. Stattdessen erzähle ich meine ganz persönliche Geschichte, inspiriert durch meine Erlebnisse auf Malta und seinen Nachbarinseln Gozo und Comino im Frühjahr 1994. Ich habe meine Aufzeichnungen vom Frühjahr bis in den Winter 2020 überarbeitet und erweitert.
Meine Geschichte besteht aus assoziativen Betrachtungen durch verschiedene Zeiten,
wobei ich Maltesisches mit Persönlichem, Historisches mit Aktuellem verknüpfe.
Ich beschreibe Stadtlandschaften, Naturerlebnisse und menschliche Begegnungen, und ich notiere Gedanken zur maltesischen Geschichte, zu Literatur und Gemälden, zur römisch-katholischen Religion, zum Rollenverständnis der Frau, zu den Themen Göttin, Maria – und zu Jesus als erotisierendem Mann.
Alle Leser und Leserinnen, die mich auf meiner ganz persönlichen Reise nach Malta begleiten möchten, heiße ich herzlich willkommen. Vielleicht können Sie dabei nicht nur etwas Neues über den Archipel erfahren, sondern auch über Ihre eigene Art zu reisen, über Ihre eigene Sehnsucht und über Ihre eigenen offenen Fragen.
www.editionpauer.com
ISBN 978-3-947930-16-6
Inhaltsverzeichnis
Vorwort
Sliema 1994
Sehnsucht
Entbehrungen
‚Strangers in the night‘
frei BURG
Atlantis
In Strömen regnen
Männer mit und ohne Gebärmutter
‚Die Scham ist vorbei‘
Ein emanzipiertes Paar
‚Die Wahrheit wird euch frei machen‘
‚How can we be lovers ... ?‘
‚Horch, sie leben!‘
Hinter den Mauern
Lust oder Schuldgefühl?
»Welch’ Freude!«
Der Geist der Göttin
Jack’s Bar
Weltwunder
Beerdigung
Zaghafte Annäherung
Gastfreundschaft
Lust am Leid
Nur Steine
‚Schön ist es auch anderswo ...‘
Kein Paradies, nirgends
Umwege
Schönes Leben
Über die Autorin
Literatur
Leseprobe aus:
Sehnsucht
frei BURG
Atlantis
Sehnsucht
Vor den Ostertagen verspürte ich im kalten und verregneten Berlin eine tiefe Sehnsucht nach Sonnenstrahlen auf nackter Haut. Ich durchwühlte Reiseprospekte und unterstrich, was meine Sehnsucht zu stillen versprach: Zypressen, Zitronen- und Orangenhaine, blühende Hibiskusbüsche, duftende Jasminblüten, wilde Kräuter wie Thymian, Rosmarin und Lavendel, zirpende Zikaden, bewaldete Berge, würzige Pinien, türkis schimmerndes, klares Meer, Sandbuchten und bizarre Felsen. Und am liebsten ein Hotel mit Dachterrasse und Panoramablick sowie ein Zimmer mit Blick aufs Meer. Ich wollte schwimmen und wandern. Brauchte dringend frische Luft, viel Natur und noch mehr Ruhe.
Ich ging in ein Reisebüro.
»Leider gibt es keines der von Ihnen ausgewählten Reiseziele als Last-Minute-Angebot. Wie wäre es mit Sliema auf Malta?«
»Malta?«
Dort könnte ich mein Englisch praktizieren, schoss es mir durch den Kopf. Und gleichzeitig erhoben sich in meiner Erinnerung drohend Stadtlandschaften, Straßenlärm und Gestank. Beim Studieren des Reiseprospektes hatte ich jedenfalls schnell weitergeblättert. Ich fragte nach einem Prospekt über Malta und betrachtete mir die Fotos von ruhigen Nachbarinseln, von Fels- und Sandbuchten und Mittelmeervegetation.
»Und Sliema?«, fragte ich.
»Sehen Sie hier!«
Und ich sah die Dachterrasse meines möglichen Hotels. Rasch überflog ich die kurzen Informationen zu Sliema: 30 000 Einwohner, beliebteste Wohngegend der Malteser, Cafés, Restaurants, Geschäfte – und eine kilometerlange Uferpromenade entlang des größten Naturhafens sowie Felsbuchten, die zum Schwimmen und Verweilen einluden. Ich wurde neugierig.
Und schließlich: Vor dem Hotel gab es eine Bushaltestelle!
Sie würde meine Rettung sein:
Tägliche Fluchten mit dem Bus in die Mittelmeernatur!
Die freundliche Angestellte versuchte mich für Malta zu begeistern:
»Dort gibt es auch viel Kulturelles zu entdecken.«
Nun, Kultur habe ich hier in Berlin genug, dachte ich, als ich mit gemischten Gefühlen das Reisebüro verließ. Ich ging in den nächsten Buchladen und wälzte besessen die vorhandene Malta-Literatur. Ich erschrak über so viele Städte und so wenig Natur. Erschrak, obwohl ich es doch ahnte und auch schon ein bisschen wusste.
Ich entschied mich für einen kleinen, handlichen Reiseführer mit Bildern von bunten Bötchen auf türkisem Meer, ockerfarbigen Häuschen mit farbigen hölzernen Türen, Fensterläden und verschnörkelten Erkern, einsamen Sandstränden, bizarren Felsformationen, geheimnisvollen Höhlen und uralten Tempelanlagen.
Zu Hause goss ich mir eine Tasse Kaffee auf, schäumte mit dem Rührbesen Milch schaumig und machte es mir mit dem Malta-Reiseführer in meinem Sessel gemütlich.
Malta, die Inselrepublik im Mittelmeer, sei ein optimales Urlaubsziel für alle, die mehr erwarten als nur Sonne und Strand. Ich begann zu unterstreichen, was mir wichtig erschien: die kleine Nachbarinsel Gozo mit einigen niedrigen Bergen, die noch kleinere Nachbarinsel Comino mit ihren Sandstränden und Buchten. Auf der Hauptinsel Malta unterstrich ich die Tempel aus der Jungsteinzeit, die frühchristlichen Katakomben und die mittelalterlichen befestigten Städte, allen voran die Hauptstadt Valetta, die von der UNESCO als ein einziges Museum gewürdigt und unter Denkmalschutz gestellt ist. Ein einziges Museum? Ich wollte einzig Natur! Und so unterstrich ich die Badebuchten mit Sandstrand und versuchte mir vorzustellen, wie der weiche warme Sand unter meinen Füßen nachgeben und unter zarten Meereswellchen sanfte Spuren hinterlassen würde. Ich unterstrich die ‚Blue Grotto‘ mit den orangefarbenen Korallen an den Felswänden und dem klaren Wasser und sah vor meinem inneren Auge, wie meine Hände ins erfrischende Nass eintauchen und helltürkis schimmern würden.
Das Busnetz sei gut, diese Information beruhigte mich sehr. Nahezu jeder Ort werde angefahren, und die Wartezeiten überstiegen kaum einmal zehn Minuten.
Leider las ich auch, dass die Busverbindungen auf Gozo weniger gut seien. Ich studierte die Übersichtskarte des gesamten Archipels. Ob ich mir nicht ein Rad ausleihen und die Inseln radelnd entdecken könnte? Unter ‚Sport‘ fand ich im Reiseführer nichts. Wurde auf den Inseln etwa nicht Rad gefahren? Schließlich fand ich Fahrräder unter ‚Leihfahrzeug‘. Ich atmete erleichtert auf.
Unter ‚Geographie‘ hatte ich gelesen, dass die Hauptinsel Malta ca. 30 km lang und ca. 15 km breit sei. Radtouren und Wanderungen waren also auf dem gesamten Archipel möglich, vor allem auf den beiden weniger verbauten Nachbarinseln. Ich begann ein wenig Reisebegeisterung zu entwickeln. Schließlich entdeckte ich die Dingli Cliffs im Süden Maltas, 250 Meter tief ins Meer abfallende Klippen.
Und sogar Weinberge gab es auf Malta!
frei BURG
(…) Weinberge lassen mich immer an unsere Zeit in Freiburg denken, wo ich von 1979 bis 1985 studierte. Eine Freundin meinte einmal treffend, sie sei meine Sehnsuchtsstadt.
Ja, das ist sie. 2009 sollte ich diese Sehnsucht in meinem Solo-Stück freiBURG thematisieren:
Die Protagonistin Mia Schumm möchte sich endlich befreien aus der Burg an Erwartungen, die sie bislang stets erfüllt hat, um gesehen und gehört – um geliebt zu werden. Statt als Lehrerin ihre Schüler darin zu unterstützen, kreativ zu sein, möchte sie das eigentlich selbst.
Schließlich probiert sie sich aus, doch ihr vermeintliches Scheitern lässt sie immer ruheloser nach weiteren kreativen Ausdrucksmöglichkeiten suchen – und nach Bestätigung. Weit davon entfernt sich zu befreien, setzt sie sich nur unter weiteren Druck.
Jede Theaterszene beginnt sie mit den Worten: »Es ist ja nicht so, dass ich’s nicht versucht hätte!«
Ja, sie hat wirklich viel versucht - als Studentin und als Lehrerin, in der Kunst, im Klavierspiel und im Gesang, in Gedichten, im Schauspiel und in Partnerschaften.
Nachdem sie sich in vielerlei Hinsicht ausprobiert hat, und nachdem ihre Schüler ihr bewusst machen, dass sie als Lehrerin im alltäglichen Leben immer schon kreativ ist, kommt sie langsam zur Ruhe. Es sind ihre Schüler, die sie schließlich inspirieren, zu sich selbst zu stehen, ganz so, wie sie ihrerseits ihre Schüler stets darin unterstützt, zu sich selbst zu stehen und ihre Kreativität zu entdecken und zu entfalten, unabhängig von der Reaktion anderer. (...)
Atlantis
Die Weinberge auf Malta hatten mich abgelenkt. Ich schaute wieder in meinen Reiseführer, konkret auf das, was ich mir vor der Reise alles unterstrichen hatte:
Mit einer Fähre wären Gozo und Comino von Malta aus leicht zu erreichen. Ich würde wohl jeden Tag mit Fahrrad und Fähre auf eine der kleineren Inseln flüchten.
Das Hotel würde ich nur zur Übernachtung nutzen.
Ich las weiter über die Feiertage und Feste. So würde ich den Freiheitstag am 31.3. und die Ostertage miterleben. Was würde wohl konkret an diesen Tagen geschehen? Würde ich womöglich irgendetwas Wichtiges verpassen? Doch was war wichtig?
Tief durchzuatmen, wieder zur Ruhe zu kommen. (...)
Heute bin ich sehr verwundert, dass ich zu der Kultstätte Hypogäum von Hal-Saflieni nur den Satz hervorhob, dass sie zu den interessantesten Besichtigungsorten Maltas zähle. Und die Wörter 'Wandmalereien' und 'Akustikraum'. Dann wieder die Öffnungszeiten,
und dass es sinnvoll sei, sich einer Führung anzuschließen und eine Taschenlampe mitzubringen.
Bei der Entscheidung zur Reise hatte ich mir eingestanden, nicht Land und Leute kennenlernen zu wollen, sondern lediglich in sonniger Mittelmeervegetation, auf Sandstrand und im Meer meine Ruhe zu finden. Aber dass ich derart ignorant mit den womöglich frühesten und bedeutendsten Zeugnissen unserer Menschheit umgehen konnte! Noch dazu, weil es sich um Zeugnisse ganz besonderer Art handelte – wie ich später erfahren sollte – die mich gerade als Frau hätten interessieren müssen:
Zeugnisse einer matriarchalischen Gesellschaft, einer Gesellschaft, die wahrscheinlich über Jahrtausende friedlich zusammengelebt haben musste, da bislang nirgends auf dem Archipel irgendwelche Waffen gefunden worden waren.
Nachdem ich meinen alphabetisch angelegten Stichwörter-Reiseführer durchgelesen hatte, drängte irgendetwas in mir nach weiteren Informationen. Hatte diese Lektüre meine Sehnsucht nach Mittelmeernatur nur ungenügend befriedigen können? Oder wollte ich immer noch nicht wahrhaben, dass es auf dem Archipel kaum Bäume gab? Nur verschiedene Blumen über die ganzen Inseln verteilt? Nur wenig Sandbuchten ohne Steinwüsten drumherum? Wollte ich die Steinwüsten nicht wahrhaben? Den vielen Verkehr? Den Gestank? Den Lärm in meiner ersehnten Ruhe?
Mich zog es in einen weiteren Buchladen, und plötzlich entdeckte ich unter den Reiseführern zu Malta das Buch: ‚Malta – Reisen eines Ahnungslosen in die Steinzeit‘.
Ich las den Klappentext, und dort stand, dass auf Malta und der Schwesterninsel Gozo die Reste der ältesten Tempel der Menschheit zu finden seien. Nun wollte ich mehr wissen. Was hatte es nun – Verdammt noch mal, ich will doch eigentlich nur meine Ruhe! – mit diesen geheimnisvollen Tempeln auf sich?
Auf dem rückseitigen Bucheinband sah ich ein Schwarz-Weiß-Foto des Autors: ein lächelnder, wohlgenährter Mann mit kurzen dunklen lockigen Haaren, hoher Stirn, dunklem Schnauzbart und einer brennenden Zigarette zwischen den Fingern:
Joy Markert aus Berlin. Ich schaute ins Inhaltsverzeichnis: ‚Auf der Suche nach Atlantis‘. Welch zauberhaftes Wort: Atlantis! Meine Sehnsucht nach einer heilen Welt! Und ich schlug das erste Kapitel auf: 'Atlantis, haben Schriftstellerinnen spekuliert, müsse das goldene Zeitalter des Matriarchats gewesen sein.’ Und weiter:
‚Ich lese in einem Geschichtsbuch von Atlantis.
In einem Hotelzimmer auf Malta, ich lese, weil mir langweilig ist.‘
Der Mann wurde mir sympathisch. Sah ich mich doch auch schon aus Langeweile in meinem Hotelzimmer lesen. Verurteilt zu zwei Wochen Flucht vor Langeweile. Flucht in eine Natur, die es kaum gab, und in Kultur, von der es doch in Berlin genug gibt! Also ein Leidensgenosse! Was hatte er seinem Urlaub auf Malta abgewinnen können? Er hatte sich mit der Geschichte Maltas beschäftigt und seine Eindrücke literarisch verarbeitet. Ich kaufte das Buch und verschlang es in wenigen Stunden. Und ich sollte es noch mehrmals lesen - ohne Kuli in der Hand,
aber mit neugierigem Geist und offenem Herzen.
Klatschmohnrosen
(Klatschmohnrosen - 2020 - Mischtechnik/Papier - 19 x 19 cm)
Der Berliner Radiosender 889FM Kultur sendete am 7. April 2021 meinen Literaturbeitrag mit Ausschnitten aus dieser Geschichte.
Inhalt
Im Sommer 2020 erblüht überraschend eine Klatschmohnrose inmitten eines Rosmarinbeetes, das in einem Blumenkasten auf meinem Balkon wächst.
Diese Klatschmohnrose inspiriert mich zu einer Geschichte übers Erblühen und Verblühen, und ich beginne, meine Freude über und meine Sorge um diese Klatschmohnrose zu verweben mit persönlichen Gedanken und Erlebnissen, die sich aufs menschliche Altern und Sterben und den Tod beziehen.
Die Geschichte, so meine Freundin Kerstin, eröffnet einen liebevollen Blick auf ein Leben, das sich mit Sinn erfüllt, indem es sich verschenkt.
Inhaltsverzeichnis
Solange Klatschmohnrosen blühen,
„Jeder stirbt doch irgendwann“
Trotzdem
Seht, wir leben!
‚Rage, rage against the dying of the light‘
Alles steh’n und liegen lassen!
‚Bist du bei mir‘
Kraft und Würde
Olympia
Heinz Hinkel
Annis Briefe
‚Lass uns über etwas anderes reden!‘
Hoffnung
Mein mutiger Vater
„Es ist vorbei!“
‚Der Tod ist ein Meister aus Deutschland‘
‚Geh vorüber, lieber Tod‘
Wahrheit
‚Und wieder wach ich auf‘
Sich verschenken
solange leben wir.
Über die Autorin
Leseprobe aus:
Solange Klatschmohnrosen blühen
"Jeder stirbt doch irgendwann..."
Trotzdem
Solange Klatschmohnrosen blühen
Ja, solange Klatschmohnrosen blühen, solange leben wir.
Der persische Dichter Sohrab Sepehri hat mich zu diesem Gedanken inspiriert.
An einem sonnigen Sonntagmorgen 2020 steht plötzlich eine Klatschmohnrose inmitten des Rosmarins, der auf meinem Balkon den Duft von sommerlich-sonniger Südfrankreichlandschaft verströmt.
Mindestens 10 Zentimeter überragt sie alle meine Balkonpflanzen drumherum, und ihr kräftiges leuchtendes Orangerot der noch eingefalteten Blütenkronblätter hebt sich farblich ab von den sanft rosafarbenen Geranien.
Mutig wiegt sie sich im Wind. Trotz ihrer Zartheit ist sie dem Schutz des Rosmarins entwachsen. Ich denke beim Blick auf diese mutige Klatschmohnrose spontan an einen Spruch aus meinem Poesiealbum. Demnach möchte sie ihr kurzes Leben wohl nicht beschützt und bescheiden fristen, wie das Veilchen im Moose, sondern sie wagt es, bewundert zu werden, wie die stolze Rose.
Sie hat sich erhoben und steht zu ihrem Bedürfnis,
in die Welt zu sehen und gesehen zu werden.
Und sie zeigt sich: Seht, hier bin ich! Dort oben hat sie den Blick frei über Rosmarin und Geranien, auf die ebenfalls stolze backsteinrotfarbige Immanuelkirche gegenüber, mit ihrem großen und kleinen Turm und ihrer Apsis, deren bunte Glasfenster im Sonnenlicht und abends während eines Gottesdienstes festlich leuchten, dem weißen Haus links mit vielen offenen Fenstern und blumigen Balkonen und rechts den ebenfalls mutig ausgestreckten kräftigen Armen der Eiche und der Kastanie. Unten auf der Straße kann sie das Treiben der vorbei eilenden Menschen beobachten,
zu Fuß, auf Rädern und in Autos, die unbekümmert über die Pflastersteine poltern.
Als ich vom Badeausflug nach Hause komme, sehe ich zu meiner Freude, dass ihre Blütenkronblätter weiter aufgesprungen sind. Doch ich mache mir Sorgen, denn es ziehen dunkle Regenwolken auf, und der Donner grollt bereits bedrohlich. So stelle ich meine Klatschmohnrose mitsamt dem Rosmarinbeetkasten auf den schützenden Sims meines Fensterbrettes, das auf den Balkon zeigt. Ich stecke sogar noch gleich hohe Bambusstäbe um sie herum, um ihr Halt anzubieten. Doch, als ich sie an diesem wind- und regengeschützten Ort so still stehen und nicht länger mehr im Wind tanzen sehe, erkenne ich, dass ich sie um Ihren Tanz betröge, wenn ich sie dort stehen ließe. Ich schäme mich, weil ich versucht habe, in ihr selbst erwähltes Schicksal einzugreifen und stelle sie im Rosmarinkasten wieder zurück auf den Balkon, wo der Wind wieder freudig um sie pfeift und sie lachend miteinander tanzen.
Bevor der Regen schließlich auf sie niederprasselt, fotografiere ich meine Klatschmohnrose von allen Seiten, damit ich ihren Mut ewig erinnern möge!
Weiß sie um ihr kurzes Leben? Will sie es trotzdem in voller Fülle leben? Aufrichtig aufgerichtet steht sie da und scheint mir mit ihrem leuchtenden Kopf zuzunicken.
Und es regnet heftig auf die hauchdünnen transparenten Blütenkronblätter und in den offenen Kelch, der seine Samenblätter auch Regen und Wind mutig entgegenstreckt: Kommt, fliegt mit meinen Samen fort! Hierhin, dorthin, überallhin! Ich möchte mich verschenken! Mich verschenken ans Leben!
Wie froh bin ich, als ich am nächsten Morgen meine Klatschmohnrose wiedersehe, etwas zerzaust, aber noch in voller Blüte. Und auch viele Samenblätter winken noch in ihrem Kelch. Haben Wind und Regen meiner Klatschmohnrose noch einen weiteren Tag Leben schenken wollen? Ich habe jedenfalls noch keine Mohnblume gesehen, die solch einen heftigen Regen und Wind überlebt hat!
Wer sich verschenkt, wird leben!, geht mir spontan durch den Kopf.
Und unter dieser Klatschmohnrose steht bereits eine weitere Mohnblume aufrecht da, wenn auch noch auf Höhe der Rosmarinwipfel. Schon ganz leicht löst sich die schützende Haut der zwei Kelchblätter, die bereits bald die darunter liegenden und noch eingefalteten vier Blütenkronblätter freigeben werden.
Und versteckt im Schatten des Rosmarins wagen schon kleine Mohnblümchen ihre Köpfchen zu heben. Die Klatschmohnrose macht ihnen wohl Mut, es ihr gleich zu tun. Offenheit kann öffnen, der Mut anderer den eigenen ermutigen.
„Jeder stirbt doch irgendwann…“
Bitte blühe noch etwas, bitte! Nein, du mögest ewig blühen! Ich will nicht mitansehen müssen, wie schon bald deine Blütenkronblätter fortfliegen, erst das eine, dann das andere.. Ich will das nicht! Ich will das nicht!!
Ich weiß, ich kann noch so trotzig gegen dein Schicksal aufbegehren, du wirst sterben, wie wir alle sterben - irgendwann, das weiß doch jedes Kind!
Mit diesen Worten versuchte mein Vater mich 2011 zu trösten, als er mir am Telefon seine Krebsdiagnose mitteilte. Ich weiß noch, wie starr vor Schreck ich während des Anrufs war.
Nachher begann ich sämtliche Löcher meiner Socken und Strumpfhosen zu stopfen und dabei an Barblin zu denken, die in Max Frischs Theaterstück ‚Andorra‘ wie besessen das Haus ihres Vaters weiß streicht. Ich hörte ständig ihre Worte: ‚Ich weißle, ich weißle..’
Als ob diese Worte und das Stopfen der Löcher meinen Vater vor seinem nahen Tod schützen könnten, oder mich davor, nicht in ein tiefes schwarze Loch zu fallen.
Und dort liegen zu bleiben. Für einige Zeit.
Dennoch rappelte ich mich immer wieder auf und ging arbeiten. Und fast jedes Wochenende fuhr ich zu meinen Eltern nach Köln. Uns drei blieben noch 3 1/2 Monate.
Mein Vater hatte die große Gnade, bis zu seinem Tod kaum Beschwerden zu haben, geschweige denn Schmerzen. Das machte es ihm sicher leichter, seine Krankheit bis zu seinem Tod mit großer Würde zu tragen. Er starb schließlich so friedlich, wie er gelebt hatte, begleitet von meiner Mutter, meiner jüngeren Schwester und mir.
Erst Monate später konnte ich meine tiefe Trauer in einigen Liedern ausdrücken und dadurch weiter verarbeiten. Mein erstes Lied begann mit Vaters Worten:
‚Jeder stirbt doch irgendwann, das weiß doch jedes Kind.
Doch dass wir’s einmal selber sind, oder jetzt du, Vater, vergessen wir geschwind..’
Trotzdem
Wie könntest du deine Geschichte weiterschreiben,
in der soeben dein geliebter Vaters gestorben ist?
Mir fällt ein wichtiges Wort ein: Trotzdem! Trotzdem weiterleben! Trotzdem weiterlieben! Trotzdem weiterschreiben! Dies lässt mich an das Gedicht ‚September‘ von Johannes Bobrowski denken. Ich erinnere die letzten Zeilen: ‚Und wir werden einander lieben, in jeden Morgen setzen den Schritt, die weißen Lieder rufen aus Schnee, Küsse im Nacken, Singsang der Grillen im Haar‘. Und irgendetwas von ‚trotzdem‘. Schließlich suche ich in meinem Bücherregal und finde das Gedicht.
Doch ich finde kein ‚trotz’ dieser oder jener Begebenheit. Das wiederum lässt mich an Gioconda Belli denken und an Pablo Neruda, deren Lyrikbände ich offenbar verliehen habe. Aber ich erinnere, dass beide in ihren jeweils ehemals faschistischen Systemen, hier Nicaragua, dort Chile, trotzdem jeden Morgen setzten den Schritt, ‚Küsse im Nacken, Singsang der Grillen im Haar‘.
Und an dieses ‚trotzdem‘ denke ich, als ich die Klatschmohnrose sich geschmeidig im leichten Abendwind wiegen sehe. Es ist bereits ihr dritter Lebenstag. Sie zeigt sich in all ihrer Pracht und Größe, trotz der Gefahr, dass sie womöglich ihr ohnehin kurzes Leben - so schutzlos wie sie ist - früher aushauchen muss.
Am Nachmittag diesen Tages beobachte ich ein berührendes Liebesspiel: Eine Hummel schwebt brummend auf die weit geöffneten orangerot leuchtenden Blütenkronblätter der Klatschmohnrose und stürzt sich mit Leidenschaft in den weichen Blütenkelch, erhebt sich, tanzt beglückt um die entzückte Mohnrose herum und stürzt sich erneut und umso hingebungsvoller in die ausgestreckten Staubblätter. Der Tanz hinab in den Kelch und wieder hinauf dauert einige Minuten, dann schwebt die Hummel satt und zufrieden noch einige Male um die beglückte Klatschmohnrose herum, bevor sich die Liebenden lächelnd zuwinken, zum Abschied.
Gedichte
(Brief - 1999 - Mischtechnik/Papier - 49 x 39,5 cm)
Mein Gedicht 'Was du willst, will ich dir nicht geben' war unter den Preisträgern der Nationalbibliothek des deutschsprachigen Gedichtes 2001
Was du willst (2001)
Was du willst, will ich dir nicht geben!,
trotzt der Tod in spätem Triumph
der Liebe,
die ihn in alle Lieblosigkeit weiterlieben will,
vernimmt ihr Todes-
urteil, nimmt es stellvertretend auf sich still,
doch zer
bricht unter der brachialen Freuersbrunst seines brennenden Herzens.
Und die Liebe, die niemals sterben wollte,
zerknistert in des Todes blind sie verachtenden Flammen, zer-
fällt zu Asche.
Und kein Phönix erhebt sich
weiterliebend über
diesen unwür-
digen Tod
hinaus.
Was du willst, will ich dir nicht geben!,
trotzt der Tod.
Liebeslied (2016)
Verliebe dich in den,
der dein lautes Lachen liebt,
der alles dafür gibt.
Verliebe dich in den,
der dich vor seinen Freunden küsst
und dich vermisst, und es dir sagt.
Verliebe dich in den,
der's wagt, zu steh'n in deinem Schatten
und zu geh'n durch deine Nacht.
Verliebe dich in den,
der neben dir erwachen will, in jeden neuen Tag
und nachts in deinen Armen ruhen mag.
Verliebe dich zuerst in dich,
sei dir der Mensch, den du ersehnst.
Für Max und Martha (2020)
Ich geh’ mit Andacht und Bedacht
durch diesen kleinen Wald mit hohen Eichen.
Der Efeu schützt die Steine und bewacht,
die nicht mehr Reih' in Reih' hier steh’n wie einst.
Viele zerbrochen, ein’ge taumeln schräg,
die meisten trotzen aufrecht dem Verfall
und dem Vergessen.
Ich kann nur hier und dort etwas erkennen
in einer Schrift die mir vertraut.
Die and’re weiß ich wohl,
doch bleibt sie fremd,
wie manche Zahlen mir Geheimnis bleiben.
Mit Andacht und Bedacht geh’ ich
durch diesen tiefen Wald inmitten dieser großen Stadt
und finde schließlich ihn, der nicht genug
hat kotzen können.
In Lichtpunkten bewegt liegen sie da,
er neben seiner treuen Frau, die viel zu spät
ihm folgen wollt’ im eig’nen Land
und starb, nach tagelangem Todeskampf,
um nicht in deren Duschen zu ersticken.
Mit Andacht und Bedacht geh’ ich
durch diesen dunklen Wald mit Vogelklagen
und vielen Fragen, die ich in mir trag.
So frag ich mich, wieviel an Zeit mir bleibt,
und ob ich besser heute schon beginne
mit all dem, was ich noch beenden will.
Aus diesem stillen Wald geh’ ich mit Andacht und Bedacht
zurück ins laute Leben.
Es ist Herbst (2020)
und der Kastanienbaum vor meinem Fenster
erbraunte schon im Sommer.
Und keine der Kastanien vollendet,
die hüpfen und Kinder beglücken.
Die Blätter krümmten sich vor
Wochen schon zusammen
wie Wespen, wenn sie
sich dem Tode
weihen
und fielen ab,
als ob’s schon Winter wäre,
und stachelige Hüllen schmücken leere Zweige,
vergess’ne Weihnachtskugeln eines weg-
geworf’nen Tannenbaums.
Und gleichsam lugen gelblich-grüne Blätter aus frischen Knospen keck hervor:
Sie kennen weder Sommer, Herbst noch Winter,
doch spüren sie die Gier des wilden Frühlings,
und weiße Blüten sprießen unbekümmert
und bilden stolze Bräute.
Wie lange werden sie noch trotzen
dem Herbst, der sich schon vorgestellt mit Wind und Regen?
Es soll'n noch wen’ge warme Tage geben,
in denen sie einander feiern werden,
derweil in Fruchtschalen versteckt,
Kastanien nicht mehr wagen
ihren Sprung.
Für Pina (2009)
Nur ihr Name verrät still,
welch' große Frau hier ruht nach 69 Jahren.
Samten hat Moos den Felsen weich umtanzt.
Bewegt ihr zarter Leib im Rhythmus ihrer Schritte.
Zackig und schrill und still in ihrer Kraft.
Zerbrechlich spiegelte sie uns in immer weit'ren Spiegelbildern.
Weit schuf sie eine tänzerische Welt.
Sie starb. Sie über-
lebt. Und bleibt.
Dort liegt ein Herz aus Ton,
das sich bei ihr bedankt für ihre Spuren,
die sie entgegen aller Schreie zuckend sich ertanzt,
stets duckend nur den eigenen Bewegungen gehorchend,
die weit von andr'en Welten
und tief aus ihrem Herzen zu uns sprachen.
Die roten Kerzen sind erloschen
doch rosa Rosen duften noch.
Wer hat sie an den sanften Fels gelehnt,
wo sie schon bald vertrocknen müssen?
Doch bis dahin erheben ihre Häupter sie
und strecken sich strahlend empor
der Ewigen.